Einleitung: Auf Kollisionskurs mit der Realität?
In einem aufrüttelnden Interview mit Apollo News zeichnet Professor Fritz Vahrenholt, anerkannter Energieexperte und ehemaliger Hamburger Umweltsenator, ein düsteres Bild der aktuellen deutschen und europäischen Energiepolitik. Seine schonungslose Analyse legt offen, wie die Fixierung auf erneuerbare Energien und ambitionierte Klimaziele Deutschland auf einen gefährlichen Kurs schickt – mit weitreichenden Konsequenzen für Industrie, Haushalte und den gesamten Wohlstand. Vahrenholts Kernbotschaft: Wir ignorieren die physikalischen und wirtschaftlichen Realitäten, und das wird einen hohen Preis haben. Die drastische Warnung „Man wird ganze Regionen abschalten müssen!“ ist dabei weit mehr als nur eine Provokation; sie ist das Ergebnis einer kühlen, technologisch fundierten Bestandsaufnahme.
Die Illusion der Wetterabhängigkeit: Wenn der Wind weht und die Sonne scheint
Die größte Herausforderung der Energiewende liegt in der Volatilität von Wind- und Solarenergie. Professor Vahrenholt betont, dass Deutschland bereits heute mit enormen Schwankungen im Stromangebot zu kämpfen hat: „Wenn die Sonne scheint, haben wir zu viel Strom im Netz, das müssen wir dann verschenken ins Ausland, weil der Strompreis dann genullt sinkt.“ Im Kontrast dazu stehen die Nächte und windarmen Zeiten, in denen eine „enorme Knappheit“ herrscht, da „nicht mehr genügend konventionelle Kraftwerke, Kernkraftwerke, Kohlekraftwerke, Gaskraftwerke zur Verfügung stehen.“
Herausforderung der Schwankungen und die Rolle der Kraftwerke
Diese intermittierende Stromerzeugung führt zu paradoxen Situationen: Einerseits Stromüberschüsse, die teuer entsorgt oder sogar mit negativen Preisen verkauft werden müssen, andererseits gefährliche Engpässe. Die Situation verschärft sich mit dem fortgesetzten Ausbau erneuerbarer Energien, denn jedes neue Windkraftwerk oder Solardach „verstärkt diesen Effekt“, so Vahrenholt. Anstatt stabile Grundlast zu sichern, wird das Netz durch die Fluktuationen zunehmend belastet. Die Abschaltung von 19 Kernkraftwerken und zahlreichen Kohlekraftwerken habe Deutschland in diese kritische Abhängigkeit manövriert.
Absurde „Lösungen“ für Industrie und Haushalte: Ein Rückfall ins Mittelalter?
Angesichts dieser Realität präsentiert Professor Vahrenholt die von Politik und Bürokratie angedachten Lösungen als realitätsfern und potenziell desaströs. Er vergleicht die Ansätze der Bundesregierung und der EU-Kommission mit mittelalterlichen Zuständen.
Industrie am Gängelband von Wind und Sonne
Der Plan, die Industrie zu zwingen, „nur noch zu produzieren, wenn der Wind weht“, ist für Vahrenholt absurd. Die Bundesregierung plane tatsächlich, so Vahrenholt, die Netzentgelte so zu verändern, dass die Industrie „möglichst in Zeiten produziert, in denen Sonne und Wind scheinen“. Dies sei bereits „ein bisschen mittelalterlich“, da energieintensive Unternehmen wie Kupferhütten, Stahlwerke oder Chemieunternehmen „rund um die Uhr arbeiten“ müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. „Sie können nicht eine hochentwickelte Industriegesellschaft nach Sonne und Wind fahren“, warnt er und verweist auf global agierende Konkurrenten wie die USA, China oder die Türkei, die solche Konzepte niemals umsetzen würden.
Smart Meter für Haushalte: Die „Milchmädchenrechnung“
Auch die Haushalte sollen in dieses System eingebunden werden. Die EU-Kommission schlägt vor, Verbraucher mit „Smart Metern“ auszustatten, die den Strom teurer machen, wenn er knapp ist, und sehr billig, wenn er im Überfluss vorhanden ist. Vahrenholt bezeichnet dies als „Milchmädchenrechnung“, da der Stromverbrauch der Haushalte nur „ungefähr 20 bis 25 Prozent ausmacht“. Selbst eine 10%ige Verlagerung hätte kaum Auswirkungen. Er sieht darin einen „Eingriff in die Lebenswirklichkeit der Menschen“, die nicht nur nachts Strom saugen können.
Das Projekt „Agnes“: Bestrafung statt Unterstützung
Unter dem Namen „Agnes“ (Agiles Netz-Engpass-Management-System) plant die Bundesnetzagentur ein System, das Industriebetriebe „bestrafen“ soll, wenn sie in windarmen Zeiten produzieren, und ihnen „günstigere Netzzgebühren geben, wenn viel Wind da ist und viel Sonne da ist“. Vahrenholt sieht darin eine massive Bedrohung: „Das geht so an der Lebenswirklichkeit vorbei.“ Großbetriebe, die 24 Stunden, 7 Tage die Woche produzieren müssen, können sich nicht an solche Launen der Natur anpassen.
Die Mär von den Batteriespeichern: Ein Milliardengrab
Eine weitere Forderung der Bundesnetzagentur sei, dass die Unternehmen „große Stromspeicher bauen“ sollen, um tagsüber Strom zu speichern und abends zu nutzen. Vahrenholt kritisiert scharf: Dies ist eine „zusätzliche, enorme Investition“. Die Bundesnetzagentur habe „offenbar gar keine Ahnung, was das für Milliardenbeträge sind“, die die Industrie zusätzlich stemmen müsste. Statt eines vernünftigen Stromangebots werden der Industrie „zusätzliche Kosten an den Hals gehängt“, um ein zu 100% auf Sonne und Wind basierendes Stromsystem zu ermöglichen.
Die verheerenden Folgen: Deindustrialisierung und Wohlstandsverlust
Die Konsequenzen dieser Politik sind laut Vahrenholt bereits spürbar und werden sich weiter zuspitzen. Deutschland steuert auf eine Deindustrialisierung zu, die unseren Wohlstand gefährdet.
Exodus der Industrie: Deutschland als unattraktiver Standort
„Die Chemieindustrie verlässt Deutschland. Die Automobilindustrie auch wegen der falschen Automobilpolitik“, stellt Vahrenholt fest. Auch die Gießereibranche, die hochspezialisierte Turbinen, Werkzeuge und Maschinen herstellt, sei in Gefahr. Von über 600 Betrieben vor einigen Jahren sind nur noch knapp über 500 übrig. Diese Betriebe brauchen stabilen und bezahlbaren Strom, den Deutschland nicht mehr garantieren kann. Viele denken bereits über eine Verlagerung nach Tschechien oder Ungarn nach. Das gesamte System wird „immer fragiler, immer zerbrechlicher“.
Der Trugschluss des Energieeffizienzgesetzes
Das sogenannte Energieeffizienzgesetz, das davon ausgeht, mit weniger Energie auszukommen, sei ein „fürchterlicher Irrtum“. Vahrenholt fordert: „Das Gesetz muss sofort vom Tisch.“ Es sei ein „Kompensationsgeschenk von Scholz an Habeck“ gewesen, um Habecks Forderung nach Energieeinsparung zu erfüllen, als die Kernkraftwerke länger laufen sollten. Die Idee, den Energieverbrauch in Deutschland um 50% zu senken, sei „mittelalterlich“ und gleichbedeutend mit „Zerstörung von Industrie und Wohlstand“.
Wenn Negativpreise teuer werden: Das Subventions-Dilemma
Die vermeintlich positiven negativen Strompreise sind in Wahrheit eine Belastung für den Steuerzahler. Vahrenholt erklärt, dass das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festlegt, dass die Differenz zu einem garantierten Einspeisetarif ausgezahlt wird. Im letzten Jahr waren das „16,5 Milliarden“, die „aus dem Bundeshaushalt dann zur Verfügung gestellt“ wurden, also „aus unseren Steuergeldern“. Das sei eine „Mißsteuerung“, da „dieser völlig unsinnige Phantomstrom, den niemand braucht“, bezahlt werde.
Die schleichende Energiekrise: Blackouts als Realität?
Die zunehmende Instabilität des Netzes führt dazu, dass die Frequenz steigt und sofort eingegriffen werden muss, was zu Abschaltungen von Betrieben führt. Diese Eingriffe werden immer häufiger. Letztlich schlittern wir in eine „Stromversorgungskrise“. Vahrenholt prophezeit: „Man wird dann ganze Regionen abschalten müssen, um das Netz nicht zusammenbrechen zu lassen.“ Deutschland habe noch den Vorteil, seinen „Abfallstrom“ an Nachbarstaaten zu „drücken“ und deren Atom- und Wasserkraftstrom zu importieren, aber dieses System ist begrenzt und wird mit weiterem Ausbau der Volatilität immer unzuverlässiger.
Politische Blindheit und die Rolle der EU: Ein Irrweg ohne Ende?
Professor Vahrenholt kritisiert sowohl die nationale als auch die europäische Politik scharf für ihre realitätsferne Herangehensweise.
Versagen der Ampelkoalition und der EU-Kommission
Vahrenholt spricht von einer „unfähigen Bundesregierung“, die die „Hinterlassenschaft der Zerstörung der grünen und linken Politik“ weiterführt. Ergänzend dazu agiere eine EU-Kommission, die „immer noch an dem völlig wahnsinnigen Ziel des Green Deals festhält“. Das führe dazu, dass die Industrie in Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig ist, da die Politik „nicht auf die Schnapsidee kommt, mit weniger Energie mehr Wohlstand zu schaffen“. Er warnt, dass diese Politik Deutschland nicht gelingen wird und der bevorstehende „Test“ „bitter werden“ wird.
Der CO2-Wahn und die Mitschuld der Gewerkschaften
Der Fokus auf CO2-Vermeidung um jeden Preis ist für Vahrenholt ein fataler Fehler. Er kritisiert, dass Industrieverbände wie die IG Metall im Augenblick sogar fordern, „den CO2-Preis noch höher zu machen“, weil dann angeblich „der grüne Stahl vielleicht irgendwann mal wettbewerbsfähiger“ wird. Vahrenholt empört sich darüber, dass die Gewerkschaften „der Politik untergeordnet“ seien, anstatt sich für die Deindustrialisierung und den Erhalt der deutschen Industrie einzusetzen. Deutschland macht nur „1,5% des CO2s“, und „es wird die Welt nicht retten“, aber unsere Wirtschaft ruinieren.
Deutschlands Rolle im Klimaschutz: Eine Selbstüberschätzung
Vahrenholt stellt klar, dass selbst der Weltklimarat gesagt habe, dass es „nicht dramatisch werden“ wird, was die Klimaerwärmung betrifft, und die Erwärmung „eher moderat ausfällt“. Trotzdem halte man „stur daran fest“, dass „alles untergeordnet dem CO2, der CO2-Vermeidung“ wird. Diese Fixierung auf CO2-Reduktion als alleiniges Ziel ignoriert die umfassenderen sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen.
Fazit: Deutschland am Scheideweg – Eine dringende Kurskorrektur ist notwendig
Die Analyse von Professor Fritz Vahrenholt ist eine ernste Warnung vor den Risiken einer Energiepolitik, die sich von den ökonomischen und technischen Realitäten abkoppelt. Die Konsequenzen – von der Abwanderung der Industrie über steigende Kosten für Verbraucher bis hin zur Gefahr von Netzinstabilität – sind gravierend und erfordern ein sofortiges Umdenken.
Deutschland steht vor der Wahl: Entweder eine pragmatische, technologisch offene und wirtschaftlich verantwortungsvolle Energiepolitik zu verfolgen, die den Bedarf der Industrie und der Bevölkerung sichert, oder einen Irrweg fortzusetzen, der unweigerlich zu Deindustrialisierung, Wohlstandsverlust und einer prekären Energieversorgung führen wird. Vahrenholts Appell ist klar: Es ist höchste Zeit, zur Vernunft zurückzukehren, bevor „der Krug so lange in den Brunnen geht, bis er bricht“.

