Eine Zeitenwende für Deutschlands Stolz
Die deutsche Automobilindustrie, einst das strahlende Aushängeschild der Wirtschaft, durchlebt eine tiefe Krise. Stellenabbau, Werksschließungen und die Frage nach der Zukunftsfähigkeit dominieren die Schlagzeilen. Doch wer trägt die Verantwortung für diese Entwicklung? Matthias Müller, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, analysiert in einem schonungslosen Interview die komplexen Ursachen und benennt dabei drei Hauptakteure: die Industrie selbst, die Politik und überraschenderweise auch die Gesellschaft. Ein Blick auf eine ehrliche Bestandsaufnahme.
Volkswagen in Turbulenzen: Eine Momentaufnahme
Die aktuellen Meldungen von Volkswagen sprechen eine deutliche Sprache: Bis zu 120.000 Stellen sollen weltweit abgebaut, 50 Milliarden Euro bei Investitionen, Entwicklung und Forschung eingespart werden. Standorte wie Emden, Zwickau, Hannover (Nutzfahrzeugproduktion) und Heilbronn-Neckarsulm (Audi) sind von Schließung bedroht, die Marke Seat könnte ganz verschwinden, ebenso jedes zweite Modell. Gleichzeitig trifft die schleppende Entwicklung im E-Auto-Verkauf auf eine Überproduktion in China, die dazu führt, dass dort entworfene und produzierte Modelle nun auf den europäischen Markt drängen. Matthias Müller bestätigt diese kritische Lage, widerspricht aber der von einigen seiner Nachfolger (Diess, Zipse, Källenius, Blume) geäußerten absoluten Überzeugung, dass die Zukunft des Automobils rein elektrisch sei. Die Realität sei komplexer und erfordere Technologieoffenheit.
Die dreifache Verantwortung: Industrie, Gesellschaft und Politik
Matthias Müller sieht die Ursachen der Misere in einem Zusammenspiel von Fehlern und Entwicklungen, die auf drei Säulen ruhen:
1. Die Industrie: Zwischen Selbstüberschätzung und Fehlstrategien
Müller betont zunächst, dass die Probleme nicht allein Volkswagen oder die deutsche Industrie betreffen. Auch Premiumhersteller wie BMW, Mercedes oder der Stellantis-Konzern kämpfen mit ähnlichen Herausforderungen. Die gesamte Branche habe sich nach 2010 mit falschen Kapazitäten verkalkuliert: Während man mit einem Weltmarkt von 80 Millionen Einheiten rechnete, produzierte man für 100 Millionen, installierte aber Kapazitäten für über 150 Millionen Einheiten. Dies führt zwangsläufig zu einem Überangebot und der Notwendigkeit, Kapazitäten abzubauen. Zudem wurden nach dem Dieselskandal 2015, der eine massive Verunsicherung auslöste, falsche strategische Entscheidungen getroffen. Ein ständiges Hin und Her zwischen Luxus- und Kleinwagen, zwischen Elektro- und Verbrennungsmotor habe die Richtung verwischt. Auch die Managementstrukturen selbst, nicht nur die „Blue Collar“-Ebene, seien überarbeitungsbedürftig und müssten dringend verschlankt werden, um schnellere und nachhaltigere Entscheidungen zu ermöglichen. Die Entscheidung, das Werk in Zwickau vollständig auf E-Mobilität umzustellen, bezeichnet Müller rückblickend als großen Fehler.
2. Die Gesellschaft: Vom Leistungsgedanken zum „Vollkasko-Staat“
Einen besonders kritischen Punkt sieht Matthias Müller in der Entwicklung der Gesellschaft. Er diagnostiziert eine „dramatische Veränderung“ nach der Coronakrise und vermisst Schlüsselbegriffe wie „Leistung“, „Leistungsbereitschaft“ und „Leistungsfähigkeit“. Das Homeoffice habe dazu beigetragen, weniger zusammenzuarbeiten. Müller warnt vor unrealistischen Erwartungshaltungen und der Tendenz, dass Deutschland sich zu einem „Vollkasko-Staat“ entwickelt, in dem persönliche Verantwortung abnimmt. Er zieht hierbei eine brisante Parallele zur ehemaligen DDR, die durch übermäßiges staatliches Eingreifen die Industrie und ihre Bürger „entmündigt“ habe. Dieser „DDR 2.0“-Vergleich zielt darauf ab, die Gefahren einer zu starken staatlichen Bevormundung und eines Verlusts an Eigenverantwortung aufzuzeigen. Die Bürger und Menschen, die das Wirtschaftsgeschehen prägen, müssten sich „aufraffen“ und die „Wohlstandsphase“ wieder verlassen, auch wenn dies bedeute, wieder „ein bisschen mehr arbeiten“ zu müssen. Müller kritisiert dabei auch die Gewerkschaften, die sich einer solchen Entwicklung entgegenstellen.
3. Die Politik: Kompetenzmangel und „Entmündigung“ der Wirtschaft
Als dritten Hauptverantwortlichen benennt Müller die Politik. Nach dem Dieselskandal 2015 habe die Politik die Autoindustrie – ähnlich wie zuvor andere Industrien (Pharma, Chemie, Chip, Batterie, Solar) – „hart entmündigt“. Er attestiert der Politik einen „Kompetenzmangel“, insbesondere in komplexen wirtschaftlichen Fragen. Müller führt aus, dass die deutsche Politik nach 2015 nicht nur die deutsche Automobilindustrie vernachlässigt, sondern sich ihr sogar „abgewendet“ und bei entscheidenden Abstimmungen in Brüssel (z.B. zum Verbrenner-Aus) der Stimme enthalten habe. Dies sei besonders fatal, da es nur der Stimme der deutschen Politik bedurft hätte, um das „unglückselige“ Verbrenner-Aus-Gesetz abzuwenden. Das fehlende, ehrliche Gespräch zwischen Politik und Industrie über einen Zeitraum von zehn Jahren habe die Situation zusätzlich verschärft. Die Forderung einiger Politiker, die Autoindustrie werde nicht mehr gebraucht, bezeichnet Müller als „weltfremd“, da sie systemrelevant sei und ein wesentlicher Teil unserer Infrastruktur.
Das Verbrenner-Aus: Eine politische Fehlentscheidung mit weitreichenden Folgen?
Die Frage nach der Sinnhaftigkeit des politisch beschlossenen Verbrenner-Aus treibt Müller um. Er ist der Meinung, dass weder die Politik noch die OEMs bestimmen sollten, welche Antriebsart der Kunde kauft. Stattdessen solle dem mündigen Bürger ein „technologieoffenes“ Angebot gemacht werden, das Verbrenner, Elektro- und Wasserstofffahrzeuge umfasst. Die von Brüssel vorgegebenen zeitlichen Vorgaben zum Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor seien „schlichtweg unrealistisch“ und die Klimaziele in Bezug auf die Flottengrenzwerte würden „dramatisch verfehlt“. Seine Sorge ist, dass die aktuelle Diskussion über eine mögliche Korrektur des Verbrenner-Aus-Gesetzes wieder nur in einem „faulen Kompromiss“ mündet, der die Unsicherheit in der Mobilitätsindustrie weiter erhöhen wird.
Der Weg nach vorn: Mehr Mut, weniger Bürokratie und ein ehrlicher Dialog
Trotz der schwierigen Gemengelage – mit einer aggressiven chinesischen Exportpolitik, einer volatilen Zinspolitik aus den USA und einem rückläufigen Weltmarkt – zeigt sich Matthias Müller zuversichtlich, dass die deutsche und europäische Autoindustrie wettbewerbsfähig bleiben kann, wenn „notwendige Reformen und Strukturreformen konsequent umgesetzt werden“. Dies erfordere jedoch auch, dass die Reformen „weh tun“ dürfen – „die Fingernagelfeile reicht da nicht mehr, da muss man schon mit der Schrubbfeile rangehen“. Er stimmt zu, dass die Industrie in der Vergangenheit möglicherweise zu leise war, insbesondere in der Öffentlichkeit, und fordert Verbände wie den VDA und ACEA auf, „mehr und deutlicher zu sagen, was zu tun ist“. Letztlich sei die Antwort auf die Frage, wie man aus der Misere herauskomme, einfach: „Indem man wieder miteinander redet.“ Es brauche „mehr Mut, weniger Compliance und weniger Bürokratie“ von allen Beteiligten.
Fazit: Eine kollektive Herausforderung
Matthias Müllers Analyse ist ein Weckruf an alle Akteure. Die Krise der deutschen Automobilindustrie ist keine isolierte Angelegenheit, sondern das Resultat eines komplexen Zusammenspiels von industriellen Fehlkalkulationen, gesellschaftlichen Veränderungen und politischem Versagen. Ein Ausweg ist nur denkbar, wenn alle drei – Industrie, Gesellschaft und Politik – ihre Verantwortung anerkennen, zu einem ehrlichen Dialog zurückkehren und den Mut aufbringen, auch unbequeme, aber notwendige Reformen konsequent umzusetzen. Andernfalls droht Deutschland, einen seiner wichtigsten Wirtschaftszweige unwiederbringlich zu verlieren.

