Einleitung: Der Blick hinter die vermeintliche Komplexität
In einer aktuellen Diskussion beleuchtet der Politologe Werner Patzelt die tiefgreifenden Unterschiede zwischen der westlichen Welt, dem Christentum und dem Islam. Seine Thesen fordern gängige Narrative heraus und bieten eine Perspektive, die das Wesen religiös-politischer Konflikte in ein neues Licht rückt. Patzelt argumentiert, dass das westliche Verständnis des Islamismus grundlegend defizitär sei, weil es die fundamentalen ideengeschichtlichen und kulturellen Prämissen des Islam unterschätze.
Die Fundamente des Glaubens und der Staaten: Ein westlicher Dualismus vs. Islamische Einheit
Patzelt beginnt seine Analyse mit einer Betrachtung der ideengeschichtlichen Entwicklung des Christentums. Er verweist auf die Etablierung des Christentums als Staatsreligion und die daraus resultierende „doppelte Repräsentation“ des Menschen. Im Christentum werde der Mensch einerseits religiös durch die Glaubensgemeinschaft repräsentiert, andererseits politisch durch vom Volk gewählte Repräsentanten. Dieser Dualismus, so Patzelt, sei grundlegend für die westliche freiheitliche Ordnung, da er Religion und Politik als zwei voneinander getrennte, wenn auch miteinander interagierende, Sphären verstehe. Sie seien „nicht die Kehrseiten derselben Medaille, sondern zwei verschiedene Veranstaltungen“.
Ganz anders stelle sich dies im Islam dar: „Dieser Grundgedanke ist dem Islam völlig fremd.“ Für den Islam müssten politische und geistliche Führung aus einer Hand kommen. Eine weltliche Obrigkeit, die nicht islamisch geprägt ist, sei für einen Muslim kein akzeptabler Zustand. Daher sei das Christentum mit westlichen freiheitlichen Ordnungen „wunderbar kompatibel“, da diese Ordnungen sich aus dem Christentum herausentwickelt hätten. Der Islam hingegen sei es nicht, da er in einer „christlich geprägten Welt“ entstanden sei und sich in einem anderen Verständnis von Staat und Religion bewege.
Der Blick in den Rückspiegel: Arabische Expansion, osmanische Dominanz und die Geburt des Laizismus
Patzelt führt die Zuhörer auf eine Zeitreise, um die historischen Wurzeln dieser unterschiedlichen Entwicklungen zu beleuchten. Er beschreibt die arabische Expansion, die vom 7. Jahrhundert an bis nach Spanien reichte. Die Araber verbreiteten den Islam, zerstörten aber – im Gegensatz zu den germanischen Eroberern des Weströmischen Reiches – die lokalen Kulturen nicht. Stattdessen ließen sie diese weiterfunktionieren, solange sie sich dem Islam unterordneten. Dies führte dazu, dass die Technik und Zivilisation in den arabisch-hellenistischen Gebieten florierte, während Europa in den „finsteren Jahren des Früh- und Hochmittelalters“ verharrte.
Dieser Erfolg nährte bei den Arabern ein „absolutes Überlegenheitsgefühl“ gegenüber den Christen aus den „barbarischen Gebieten“. Das Scheitern christlicher Rückeroberungsversuche im 11. und 12. Jahrhundert, selbst in den Ursprungsgebieten des Christentums wie Palästina, bestärkte die Araber in ihrem Glauben, dass ihre Kultur unmittelbar auf Gottes Wort beruhe und daher unübertrefflich sei.
Die Vorherrschaft der Araber wurde jedoch ab dem 13. Jahrhundert von den Osmanen gebrochen, die das oströmische Reich eroberten und die arabischen Gebiete besiegten. Der arabische Islam wurde vom osmanischen Islam „überlagert“. Die osmanischen Sultane eigneten sich die Kalifenrolle an und kontrollierten die meisten arabischen Staaten.
Eine weitere Zäsur bildete der Zerfall des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg. Kemal Atatürk reformierte die Türkei radikal und „schminkte den Islam ab“, wie Patzelt es formuliert. Die arabische Schrift, in der das Türkische bis dahin geschrieben wurde, wurde durch lateinische Buchstaben ersetzt, wodurch die Türken ihre eigene Geschichte nicht mehr lesen konnten. Dies wurde von den Arabern als „Abkehr von einem aufrichtigen Parteinahme zugunsten des alleinseligmachenden Islam“ wahrgenommen. Heute, unter dem jetzigen Staatspräsidenten, erlebe die Türkei wieder eine „Rückkehr des traditionellen Islam“.
Frieden durch Unterwerfung? Das islamische Verständnis des Friedens
Ein Kernpunkt von Patzelts Ausführungen ist das islamische Verständnis von Frieden. Er erklärt, dass Frieden im Islam dann besteht, „wenn jeder sich Gottes Willen unterwirft“. Dies geschehe, wenn man die Offenbarungen des Propheten Mohammed und seine Lebenspraxis ernst nehme. Wenn dies geschehe, „dann kann in der Gesellschaft nichts mehr schiefgehen“. Die Vorbedingung des Friedens sei die „Ausbreitung des Islam“.
Patzelt unterscheidet zwischen dem „Haus des Friedens“ (Dar al-Islam), das in islamischen Staaten existiert, und dem „Haus des Krieges“ (Dar al-Harb), das außerhalb islamischer Staaten liegt. Da Muslime das Wohl der Menschen wünschten, müssten sie das Haus des Friedens erweitern, indem sie die Ungläubigen zur „besseren Einsicht bringen“. Wenn dazu Eroberung notwendig sei, möge das geschehen. Wenn sich die Ungläubigen aber ohnehin unterwerfen würden – sei es aus Einsicht oder aus Furcht, die man durchaus „mit befördern kann“ – dann tue man etwas Gutes.
Für Muslime sei Religion von existenzieller Bedeutung und nicht, wie im Westen oft angenommen, etwas Unwichtiges. Allein die Aussage „es gibt keinen Gott“ beleidige einen Muslim zutiefst.
Die Achillesferse des Westens: Selbstzweifel als Einladung zur Konfrontation
Patzelt spitzt seine Analyse zu, indem er die aktuelle Situation des Westens beleuchtet. Er behauptet, dass das „Selbstbewusstsein und die Radikalität, mit der ein Islam in Europa auftritt“, teilweise auf ein „sehr schwaches Selbstverständnis und Selbstbehauptung des Westens“ reagiere. Der Westen zeige eine „innere Schwäche“, indem er sich selbst „innerlich aufzugeben“ scheine. Dies äußere sich im Wunsch nach einer multikulturellen Gesellschaft, in der alle Religionen willkommen seien – oder am besten gar keine Religion. Auch die mangelnde Wertschätzung der eigenen Kultur, die als „lauter Sachen von toten weißen Männern“ abgetan werde, sei ein Zeichen dieser Schwäche.
Muslime, die „abgrundtief davon überzeugt“ seien, den Willen Gottes zu tun, und überzeugt seien, dass ihre Kultur allen anderen überlegen ist, fänden in diesem schwachen Westen ein „leichtes Spiel“. Wenn sie mit Gewaltakte begehen, sei dies in ihrem Verständnis kein Terror, sondern die „Befriedung der dekadenten westlichen Welt“. Sie glaubten, dass ihnen zustehe, die westliche Gesellschaft im Sinne des Islam zu gestalten, da nur so ein Zustand des Friedens erreicht werden könne. Das Leid und die Demütigungen der islamischen Welt durch die westliche Dominanz (Napoleons Expansion, Zerfall des Osmanischen Reiches) hätten zu tiefen inneren Verletzungen geführt, die nun „ausagiert“ würden.
Ein heißes Eisen: Homophobie und Postkolonialismus
Der Interviewer spricht einen kontroversen Punkt an, nämlich die postkoloniale Argumentation, dass Homophobie in den islamischen Kulturraum durch den Kolonialismus „gebracht“ worden sei. Patzelt weist dies vehement zurück: „Schon im Heiligen Koran wird man relativ wenige Stellen finden, welche Ehen zwischen Männern oder Ehen zwischen Frauen befürworten und in homosexuellen Akten und Lebensgemeinschaften den unmittelbaren Weg ins Paradies sehen.“ Er argumentiert, dass islamische Kulturen „von ihrem Gedankensystem her queerfeindlich“ seien. Die Homophobie sei „nicht vom Westen in den Nahen Osten gebracht worden“, sondern „war immer schon dort kulturell vorhanden“.
Fazit: Eine ungemütliche Wahrheit und die Notwendigkeit des Verständnisses
Werner Patzelt zeichnet ein Bild, das viele westliche Gemüter herausfordern mag. Seine Analyse legt offen, dass der vermeintliche „Clash of Civilizations“ nicht nur auf politischer oder wirtschaftlicher Ebene stattfindet, sondern tief in unterschiedlichen Weltanschauungen und ideengeschichtlichen Entwicklungen verwurzelt ist. Die Erkenntnis, dass der Westen durch seine eigene innere Schwäche und seine mangelnde Bereitschaft, die fundamentalen Unterschiede zu erkennen, zu einem „leichten Spiel“ für radikale islamische Strömungen wird, ist eine unbequeme Wahrheit. Um die aktuellen Konflikte zu verstehen und zu bewältigen, sei es unerlässlich, diese tiefen Dimensionen und Kontexte zu kennen und anzuerkennen, anstatt sie durch postkoloniale Schuldzuweisungen oder Relativierungen zu verharmlosen. Patzelts Thesen laden zur Selbstreflexion ein und fordern auf, die Welt mit einem nüchternen, historisch fundierten Blick zu betrachten.

