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Monika Maron: Als offene Denunziation zur „normalen“ Sache wurde – und die Stasi heimlich neidisch gewesen wäre

Monika Maron, eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen, offenbart im Gespräch mit Apollo News schockierende Parallelen zwischen der aktuellen Gesellschaft und der DDR. Sie kritisiert die offene Denunziation, die heute praktiziert wird und selbst der Stasi zu weit gegangen wäre. Anhand persönlicher Anekdoten aus der DDR, ihrer Reisen und der bürokratischen Absurditäten beleuchtet Maron die Mechanismen eines Systems, das letztlich an seinen inneren Widersprüchen zerbrach. Trotz ihrer Enttäuschungen bleibt ihr Blick auf die Welt differenziert, und sie warnt vor einer Überheblichkeit, die uns die Lehren der Geschichte vergessen lässt.

Eine unbequeme Wahrheit: Offene Denunziation heute

Die Schriftstellerin Monika Maron, eine der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen, schockiert im Gespräch mit Apollo News mit einer unbequemen Beobachtung: In der heutigen Gesellschaft geschehen Dinge, die selbst die Staatssicherheit der DDR nicht gewagt hätte. Maron kritisiert, dass offene Denunziation, das Anzeigen von Menschen, zur Normalität geworden ist. „Es läuft alles so irrsinnig. Es passieren hier Dinge offen, die in der DDR verdeckt waren. Wenn ich das mit den Meldestellen höre, wo man anonym Leute anzeigen kann, das hätte sich nicht mal die Stasi getraut. Die haben das heimlich gemacht.“ Die Offenheit dieser Vorgänge sei erschreckend, da sie offenbar für legal und akzeptabel gehalten werden. Eine Gesellschaft, die nicht einmal mehr das Gefühl hat, solche Dinge heimlich zu tun, verliert an moralischer Integrität. Maron betont, dass es nur *eine* Demokratie gibt, die für alle da sein muss, und keine „unsere“ Demokratie, die über andere gestellt wird.

Das DDR-Leben im Rückspiegel: Absurditäten und Frustrationen

Monika Maron reflektiert in dem Gespräch auch über ihr Leben in der DDR, besonders im Kontext ihres neu vorgestellten Tagebuchs „Immer noch freundlich, kaum noch geduldig“. Eine Anekdote über eine falsch gehende Schuluhr illustriert die grotesken Zustände: Acht Minuten ging die Uhr falsch, und statt sie zu reparieren, mussten sich alle Schüler und Lehrer nach der falschen Zeit richten. Der Grund? Nur ein Mechaniker durfte die Uhr reparieren, und diese waren entweder selten oder zu beschäftigt. „Das ist also eine eigentlich recht eindrückliche Beschreibung dieser Zeit“, kommentiert der Moderator, worauf Maron lakonisch hinzufügt: „Ich hoffe noch ein Weilchen [davon entfernt], aber wir sind auf gutem Wege.“

Ihre Reisen in den Westen beschreibt Maron nicht als Flucht vor einem System, das sie nicht verstand, sondern als schwierige, oft entbehrungsreiche Erfahrungen. Sie hatte wenig Geld, sprach keine Fremdsprachen und war als alleinreisende Frau aus der DDR oft auf die Gastfreundschaft von Freunden und Bekannten angewiesen, was mitunter zur Belastung wurde. Dies führte zu einer „geistigen Erschöpfung“, bei der sie oft dachte: „Ich will eigentlich gar nicht mehr.“ Doch die Enttäuschung galt nicht dem Westen an sich, sondern den Umständen der Reise und der Enge des Systems, das solche Reisen zur Seltenheit und Hürde machte.

Bürokratie und Propaganda: Die Mechanismen des Systems

Ein besonders aufschlussreicher Teil des Gesprächs widmet sich dem bürokratischen Irrsinn der DDR-Regierung, insbesondere im Umgang mit kritischen Künstlern wie Maron. Die Korrespondenz mit den „zuständigen Stellen“ zur Beantragung von Reisen offenbart eine zynische, aber auch erstaunlich „offene“ Haltung der Verantwortlichen. Ein „stellvertretender Minister“ wie Höpcke, der kritische Schriftsteller empfing, um ihnen mitzuteilen, warum ihre Werke nicht gedruckt wurden, zeigt das absurde Eigenleben des Systems. Maron interpretiert die Reisegenehmigungen als Hoffnung der Behörden, dass sie nach ihrer Reise im Westen bleiben würde. „Die hatten uns lieber außerhalb des Landes als drin, denke ich.“ Das Buch wurde in der DDR nicht offiziell verlegt, kursierte aber durch die private Einfuhr, wobei man schätzte, dass auf ein Exemplar 50 bis 100 Leser kamen.

Die staatliche Propaganda wurde zunehmend unglaubwürdig. Maron, die aus einem kommunistischen und jüdisch-polnischen Elternhaus kam, wuchs mit der Überzeugung auf, dass der Sozialismus das Wünschenswerteste sei. Doch diese Überzeugung begann zu bröckeln, spätestens mit der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Die SED, die einst Millionen Mitglieder hatte, zerfiel nach dem Mauerfall in eine winzige Restpartei, was belegt, wie wenig Überzeugung hinter der Fassade stand. Die Bevölkerung, so Maron, war „zum großen Teil sehr missgelaunt“ und empfand das System als „Schrotthaufen“.

Die Hässlichkeit der DDR und das Fremdsein in der Freiheit

Maron beschreibt auch die „Hässlichkeit“ der DDR, die sich in allen Lebensbereichen manifestierte: Kleidung, Produkte, Architektur. Diese Hässlichkeit war nicht nur ästhetisch, sondern ein Spiegel des Mangels und der Gleichförmigkeit. Interessanterweise hat ihre Reise in den Westen an ihrem „Weltbild“ nicht viel geändert, da sie sich keine Illusionen gemacht hatte. Was sie jedoch als Befreiung empfand, war die Vielfalt und die Möglichkeit, die Welt anders zu verstehen, insbesondere in New York. Der „Reichtum selbst war es nicht“, so Maron, sondern die „schönere Welt“ und die „Vielfalt“.

Die „Unfreundlichkeit“ der Menschen in der DDR war für Maron eine antrainierte Gewohnheit, eine Reaktion auf den ständigen Frust und den Mangel. Im Westen musste sie lernen, diese „Unfreundlichkeit“ abzulegen, weil sie dort missverstanden wurde. Die Nachwendegesellschaft, die oft noch mit der „Ost-West-Debatte“ ringt, ist für Maron kein blockartiges Phänomen. Sie bemerkt, dass es viele Menschen gibt, die den „falschen Schein“ des Westens kritisieren, aber sie glaubt, dass eine formale Höflichkeit den Umgang erleichtern würde, ohne dass tiefe Freundschaften erwartet werden. Die „Nacktheit der Verhältnisse“ in New York erinnerte sie ironischerweise an Ost-Berlin – eine Offenheit, die auch die Schattenseiten des Kapitalismus nicht verschleiert.

Das DDR-Déjà-vu und die ewige Ost-West-Debatte

Maron spürt bis heute ein „Déjà-vu“ zu DDR-Zeiten, besonders wenn es um die offene Denunziation und die unkritische Übernahme von Thesen geht, die sich später als falsch erweisen. Sie sagt: „Es läuft alles so irrsinnig. Es passieren hier Dinge offen, die in der DDR verdeckt waren.“ Die „Offenheit“ dieser Denunziationen, die heute legal zu sein scheint, sei erschreckend. Sie kritisiert auch die anhaltende Debatte über eine angebliche „Ostalgie“ oder eine „besondere ostdeutsche Identität“, die ihrer Meinung nach künstlich hochgehalten wird. „Mir liegt so ein Ostbewusstsein absolut fern“, betont sie. Maron glaubt, dass die Deutschen insgesamt kein besonders mutiges Volk sind und sich zu viel gefallen lassen, wie die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Debatten zeigen. „Man fühlt sich überlegen, weil man weiß, das ist Schwachsinn. Aber man ist dem trotzdem ausgeliefert und kann es nicht ändern.“

Monika Marons Tagebücher sind ein intimes und schonungsloses Zeugnis ihrer Erfahrungen. Sie hat dort „nicht mehr viel“ geschrieben, aber das Wenige, das sie festhielt, beleuchtet eine Gesellschaft, die von Ohnmacht und Zynismus geprägt war. Ihre Angst, dass ihr Manuskript nicht gedruckt werden würde, markiert den Beginn einer kritischen Auseinandersetzung mit dem System, die sie schließlich zu einer der wichtigsten Stimmen der DDR-Literatur machte. Ihr Werk ist eine Erinnerung daran, dass Freiheit und Wahrheit ständige Wachsamkeit erfordern, und dass die Vergangenheit, auch wenn sie lange zurückliegt, uns immer noch viel über die Gegenwart lehren kann.

Quelle: Apollo News

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